Die Männer, die wieder wuchsen

Schiraz, Iran, 1958. Ananda Prasad, ein junger Arzt aus Detroit, steht vor einer Gruppe von Männern um die zwanzig, die aussehen wie Kinder: kleinwüchsig, ohne Bartwuchs, ohne Pubertät. Elf solcher Patienten beschreibt er 1961 – und findet keine Erklärung, die passt [1].

Zwei Jahre später, in Ägypten, hat er sie: Zink. Und dann geschieht etwas, das in der Ernährungsmedizin selten ist. Die Männer bekommen Zink – und wachsen nach. Sie entwickeln sich, werden geschlechtsreif, werden Männer [2]. Ein einziges Element, das den Unterschied macht zwischen einem Kind und einem Erwachsenen.

Das war die Geburtsstunde der Zinkforschung. Und der Anfang einer Erfolgsgeschichte, die bis heute im Schatten steht.

Die These

Zink ist das am meisten unterschätzte Spurenelement unserer Zeit. Nicht, weil die Belege fehlen – sie sind da, von Cochrane-Reviews bis zu einer der grössten Augenstudien überhaupt. Sondern weil Zink so gut versteckt arbeitet, dass es sich keinem einfachen Laborwert zeigt. Wessells und Brown schätzten 2012, dass rund 17 Prozent der Weltbevölkerung – über eine Milliarde Menschen – zu wenig Zink aufnehmen [3]. Für diese Menschen ist Zink kein Detail. Es ist ein Schlüssel.

Ein Element, zehn Prozent des Bauplans

Zink ist ein Metall, das im Körper nie allein unterwegs ist. Es sitzt in Proteinen – und zwar in erstaunlich vielen. Andreini und Kollegen zählten 2006 im menschlichen Genom rund 2800 zinkbindende Proteine, knapp zehn Prozent aller Proteine, die der Mensch überhaupt herstellt [4]. Kein anderes Spurenelement kommt auch nur in die Nähe.

Ein grosser Teil davon sind sogenannte Zinkfinger: Proteinabschnitte, die sich um ein Zinkatom falten und so eine Form annehmen, mit der sie an die DNA greifen können. Stellen Sie sich Zink als Schlüsselbund vor, an dem tausende Schlüssel zum Erbgut hängen. Jedes Mal, wenn eine Zelle entscheidet, welches Gen sie abliest, ist Zink im Spiel.

Und es tut noch mehr. Prasad zeigte 2007, dass Zink Entzündungsbotenstoffe dämpft und oxidativen Stress senkt – bei älteren Menschen, deren Immunsystem am meisten davon profitiert [5]. Ein Baustoff, ein Regler und ein Schutzschild in einem.

Der Grund, warum es übersehen wird

Der Körper hütet sein Zink wie einen Schatz. Bei knapper Zufuhr nimmt der Darm mehr auf und scheidet weniger aus – der Blutwert bleibt lange stabil, selbst wenn die Speicher schrumpfen. Janet King, eine der führenden Zinkforscherinnen, nannte Zink 2011 deshalb einen «essenziellen, aber schwer fassbaren Nährstoff» [6]. Bei Eisen genügt ein Blick aufs Ferritin. Bei Zink braucht es einen Blick auf den Teller.

Und der Teller ist die zweite Hälfte der Geschichte. Vollkorn und Hülsenfrüchte enthalten Phytat, einen Speicherstoff für Phosphor, der Zink im Darm bindet [7]. Die Ernährungsgesellschaften Deutschlands, Österreichs und der Schweiz staffeln ihre Referenzwerte darum nach Phytatzufuhr: Frauen brauchen 7 bis 10 mg täglich, Männer 11 bis 16 mg [8]. Wer sich pflanzlich und vollwertig ernährt, braucht am meisten – genau das zeigt eine Metaanalyse von Foster 2013, in der Vegetarier tiefere Zinkzufuhr und tiefere Serumwerte hatten [9]. Gute Nachricht: Einweichen, Keimen und Fermentieren bauen Phytat ab und setzen Zink frei [7].

Was Zink nachweislich kann

Bei Kindern: der Cochrane-Beleg

Der Cochrane-Review von Lazzerini und Wanzira 2016 fasst gut dreissig randomisierte Studien zusammen: Bei Kindern über sechs Monaten mit akutem Durchfall verkürzt Zink die Erkrankung um rund einen halben Tag [10]. Das klingt bescheiden – bis man bedenkt, dass Durchfall in armen Ländern zu den häufigsten Todesursachen bei Kleinkindern zählt. Die WHO hat daraus eine feste Empfehlung gemacht: 20 mg Zink täglich über 10 bis 14 Tage. Eine der wenigen Nährstoffempfehlungen weltweit, die auf Cochrane-Evidenz fusst.

Und Zink schützt vorbeugend: Lassi 2016, sechs randomisierte Studien mit 5193 Kindern, 13 Prozent weniger Lungenentzündungen (relatives Risiko 0,87) [11].

Bei den Augen: die grosse Studie

Die Age-Related Eye Disease Study, 2001 publiziert, ist ein Meilenstein: 3640 Menschen mit beginnender Makuladegeneration, randomisiert, über gut sechs Jahre. Wer täglich 80 mg Zink plus Antioxidantien erhielt, hatte ein um rund ein Viertel tieferes Risiko, ins fortgeschrittene Stadium zu rutschen (Odds Ratio 0,72) – und Zink allein brachte fast denselben Effekt (0,75) [12]. Bis heute gehört diese Kombination zum ärztlichen Standard bei dieser Krankheit. Ein Spurenelement, das das Sehvermögen schützt.

Bei älteren Menschen: weniger Infektionen

Prasads Studie 2007 ist klein, aber sauber gemacht: 50 Personen zwischen 55 und 87 Jahren, doppelblind, ein Jahr lang 45 mg Zink täglich. Die Zinkgruppe hatte signifikant weniger Infektionen – Prasad selbst spricht von rund zwei Dritteln weniger – und gleichzeitig weniger Entzündungsmarker im Blut [5, 13]. Wer je einen Winter mit einem älteren Angehörigen erlebt hat, weiss, was das bedeutet.

Bei Erkältung: zwei Tage gewonnen

Der Cochrane-Review von Nault 2024 findet: Wer bei einer Erkältung Zink nimmt, ist im Schnitt rund zwei Tage früher gesund (8 Studien, 972 Personen) [14]. Die Datenlage ist noch dünn, aber die Richtung ist klar – und Harri Hemilä zeigt in seiner Metaanalyse 2017, dass die Form zählt: Lutschtabletten mit Zinkacetat ab 75 mg täglich verkürzten Erkältungen um rund 40 Prozent, Zinkgluconat um 28 Prozent [15]. Zink, das an der Rachenschleimhaut direkt wirkt, wo das Virus sitzt – das ist Pharmakologie mit Hausmitteln.

Bei der Stimmung: erste Hinweise, die überraschen

Swardfager fasste 2013 siebzehn Studien mit 1643 depressiven und 804 gesunden Personen zusammen: Depressive haben im Schnitt rund 1,85 µmol/l weniger Zink im Blut – und je schwerer die Depression, desto tiefer der Wert [16]. Ranjbar prüfte 2013, ob sich das umkehren lässt: 44 Patienten, 25 mg Zink oder Placebo zusätzlich zum Antidepressivum, zwölf Wochen. Die Zinkgruppe war am Ende signifikant weniger depressiv [17]. Eine Metaanalyse von Yosaee 2022 bestätigt die Richtung: gut vier Punkte weniger auf Depressionsskalen in den randomisierten Studien, und in Kohorten bei höchster Zinkzufuhr ein um 34 Prozent tieferes Depressionsrisiko [18]. Noch sind es kleine Studien – aber sie zeigen alle in dieselbe Richtung.

So potent, dass Mass hält

Dass Zink so wirksam ist, hat eine logische Folge: Man muss es dosieren können. Zink und Kupfer teilen sich denselben Aufnahmeweg im Darm; wer über Monate deutlich zu viel Zink nimmt, verdrängt Kupfer [19]. Die AREDS-Studie hat das elegant gelöst und ihren 80 mg Zink einfach 2 mg Kupfer beigelegt [12]. Für den Alltag gilt der EFSA-Wert: 25 mg täglich aus allen Quellen als Obergrenze [20]. Alles darüber gehört in ärztliche Begleitung – nicht weil Zink gefährlich wäre, sondern weil es wirkt.

Die Dosisbereiche der Literatur auf einen Blick:

  • 20 mg täglich, 10–14 Tage: Kinder mit Durchfall, WHO-Standard [10]
  • 25 mg täglich, 12 Wochen: begleitend zu Antidepressiva [17]
  • 45 mg täglich, 12 Monate: ältere Menschen, unter Studienbedingungen [5]
  • 75 mg und mehr als Lutschtablette, wenige Tage: akute Erkältung [15]
  • 80 mg täglich plus 2 mg Kupfer, über Jahre: Makuladegeneration, ärztlich begleitet [12]

Was daraus folgt

Zink ist der Beweis, dass ein einziges Element den Unterschied machen kann – zwischen Wachstum und Stillstand, zwischen Sehen und Erblinden, zwischen einem Winter mit drei Infekten und einem mit einem. Es steckt in Fleisch, Meeresfrüchten, Käse, Nüssen, Hülsenfrüchten. Wer pflanzlich isst, alt ist oder viel Vollkorn kombiniert, darf grosszügiger planen – und ein Präparat im Bereich der Referenzwerte ist dann kein Luxus, sondern Vernunft [8, 9].

Prasad brauchte zwei Jahre und drei Länder, um zu beweisen, dass Zink Menschen wachsen lässt. Sechzig Jahre später wissen wir: Es lässt Kinder gesund werden, schützt Augen, stärkt das Immunsystem im Alter und hebt möglicherweise die Stimmung. Ein Element, das zehn Prozent unseres Bauplans trägt, verdient mehr als eine Fussnote. Es verdient Bewunderung.


QUELLEN

[1] Prasad AS, Halsted JA, Nadimi M. Syndrome of iron deficiency anemia, hepatosplenomegaly, hypogonadism, dwarfism and geophagia. Am J Med 1961;31:532–546. doi:10.1016/0002-9343(61)90137-1

[2] Prasad AS. Discovery of human zinc deficiency: 50 years later. J Trace Elem Med Biol 2012;26(2-3):66–69. PMID 22664333

[3] Wessells KR, Brown KH. Estimating the global prevalence of zinc deficiency. PLoS One 2012;7(11):e50568. doi:10.1371/journal.pone.0050568

[4] Andreini C et al. Counting the zinc-proteins encoded in the human genome. J Proteome Res 2006;5(1):196–201. doi:10.1021/pr050361j

[5] Prasad AS et al. Zinc supplementation decreases incidence of infections in the elderly. Am J Clin Nutr 2007;85(3):837–844. doi:10.1093/ajcn/85.3.837

[6] King JC. Zinc: an essential but elusive nutrient. Am J Clin Nutr 2011;94(2):679S–684S. doi:10.3945/ajcn.110.005744

[7] Lönnerdal B. Dietary factors influencing zinc absorption. J Nutr 2000;130(5S):1378S–1383S. doi:10.1093/jn/130.5.1378S

[8] Haase H et al. Revised D-A-CH-reference values for the intake of zinc. J Trace Elem Med Biol 2020;61:126536. doi:10.1016/j.jtemb.2020.126536

[9] Foster M et al. Effect of vegetarian diets on zinc status: a systematic review and meta-analysis. J Sci Food Agric 2013;93(10):2362–2371. doi:10.1002/jsfa.6179

[10] Lazzerini M, Wanzira H. Oral zinc for treating diarrhoea in children. Cochrane Database Syst Rev 2016;12:CD005436. doi:10.1002/14651858.CD005436.pub5

[11] Lassi ZS, Moin A, Bhutta ZA. Zinc supplementation for the prevention of pneumonia in children aged 2 months to 59 months. Cochrane Database Syst Rev 2016;12:CD005978. doi:10.1002/14651858.CD005978.pub3

[12] Age-Related Eye Disease Study Research Group. AREDS Report No. 8. Arch Ophthalmol 2001;119(10):1417–1436. PMID 11594942

[13] Prasad AS. Zinc is an antioxidant and anti-inflammatory agent: its role in human health. Front Nutr 2014;1:14. doi:10.3389/fnut.2014.00014

[14] Nault D et al. Zinc for prevention and treatment of the common cold. Cochrane Database Syst Rev 2024;5:CD014914. doi:10.1002/14651858.CD014914.pub2

[15] Hemilä H. Zinc lozenges and the common cold: a meta-analysis comparing zinc acetate and zinc gluconate, and the role of zinc dosage. JRSM Open 2017;8(5):2054270417694291. doi:10.1177/2054270417694291

[16] Swardfager W et al. Zinc in depression: a meta-analysis. Biol Psychiatry 2013;74(12):872–878. doi:10.1016/j.biopsych.2013.05.008

[17] Ranjbar E et al. Effects of zinc supplementation in patients with major depression: a randomized clinical trial. Iran J Psychiatry 2013;8(2):73–79. PMID 24130605

[18] Yosaee S et al. Zinc in depression: from development to treatment – a comparative/dose-response meta-analysis. Gen Hosp Psychiatry 2022;74:110–117. doi:10.1016/j.genhosppsych.2020.08.001

[19] Willis MS et al. Zinc-induced copper deficiency: a report of three cases. Am J Clin Pathol 2005;123(1):125–131. doi:10.1309/V6GVYW2QTYD5C5PJ

[20] EFSA NDA Panel. Scientific Opinion on Dietary Reference Values for zinc. EFSA Journal 2014;12(10):3844. doi:10.2903/j.efsa.2014.3844