Wer «Lithium» hört, denkt an Akkus oder an ein starkes Psychiatrie-Medikament. Kaum jemand weiss: Lithium ist ein natürlicher Bestandteil von Gestein, Böden, Trinkwasser und Lebensmitteln. Jeder Mensch nimmt täglich winzige Mengen davon auf – und eine wachsende Zahl von Studien deutet darauf hin, dass genau diese Spuren für Gehirn, Stimmung und gesundes Altern eine Rolle spielen könnten.

Lithium ist das dritte Element im Periodensystem und das leichteste Metall überhaupt. Chemisch gehört es in dieselbe Familie wie Natrium und Kalium – die beiden Mineralstoffe, die jede Nervenzelle für ihre elektrischen Signale braucht. Lithium ist also kein Fremdkörper im Organismus, sondern ein enger Verwandter von Stoffen, mit denen unser Körper ständig arbeitet.

Es gelangt über Regen und Gestein ins Grundwasser, von dort in Pflanzen und über Gemüse, Getreide, Gewürze und vor allem Trinkwasser in den Menschen. Wie viel wir aufnehmen, hängt stark von der Region ab: je nach Geologie sind es wenige hundert Mikrogramm bis einige Milligramm pro Tag. Der Chemiker Gerhard Schrauzer hat bereits 2002 vorgeschlagen, Lithium als essenzielles Spurenelement einzustufen, mit einem geschätzten Tagesbedarf von rund 1 mg für einen Erwachsenen (Schrauzer 2002).

Hier braucht es eine klare Unterscheidung, denn sie erklärt die meisten Missverständnisse rund um Lithium.

Die pharmakologische Dosis. In der Psychiatrie wird Lithiumcarbonat seit über 70 Jahren zur Behandlung der bipolaren Störung eingesetzt. Dabei geht es um 600 bis 1800 mg Lithiumcarbonat pro Tag, was etwa 110 bis 340 mg reinem Lithium entspricht. Diese Dosen heben den Blutspiegel in einen genau definierten Bereich, der ärztlich überwacht wird. In dieser Dosierung ist Lithium ein hochwirksames Medikament mit entsprechend engem therapeutischem Fenster.

Die Spurenelement-Dosis. Wenn in Trinkwasserstudien oder in der Ernährungsforschung von Lithium die Rede ist, geht es um 0.3 bis 5 mg pro Tag – also um den Faktor 100 bis 1000 weniger. Zum Vergleich: Ein Liter Trinkwasser aus einer lithiumreichen Gegend enthält vielleicht 0.1 mg. Das ist ungefähr der Unterschied zwischen einer Prise Salz im Essen und einer Salzlake.

Alles, was in diesem Beitrag folgt, bezieht sich auf die zweite Welt: Lithium in den Mengen, wie sie natürlich in Wasser und Nahrung vorkommen.

Die spannendste Forschung zu Lithium als Spurenelement stammt aus einem einfachen Gedanken: Wenn Lithium einen Effekt auf das Gehirn hat, müsste man in Regionen mit lithiumreichem Trinkwasser Unterschiede sehen.

Den Anfang machte 1990 eine Untersuchung von 27 Bezirken in Texas. Schrauzer und Shrestha verglichen Gebiete mit sehr wenig Lithium im Wasser mit solchen, in denen der Gehalt bei 70 bis 170 µg pro Liter lag. In den lithiumreichen Bezirken lagen die Raten für Suizide, Tötungsdelikte, Vergewaltigungen und Drogendelikte über den beobachteten Zehnjahreszeitraum deutlich tiefer (Schrauzer & Shrestha 1990).

Fast zwanzig Jahre später wurde das Muster in Japan wiedergefunden. Ohgami und Kollegen untersuchten 18 Gemeinden der Präfektur Oita: Je mehr Lithium im Leitungswasser, desto tiefer die Suizidrate (Ohgami et al. 2009). Eine Studie aus Österreich mit Daten aus allen Bezirken des Landes kam zum gleichen Ergebnis (Helbich et al. 2012).

Weil einzelne Regionalstudien immer Zufall sein könnten, haben Forscher die weltweit verfügbaren Daten zusammengefasst. Eine Meta-Analyse im British Journal of Psychiatry fand über verschiedene Länder hinweg eine konsistente Beziehung: höhere natürliche Lithiumwerte im Trinkwasser gehen mit tieferen Suizidraten einher (Memon et al. 2020).

Wichtig zur Einordnung: Das sind Beobachtungsstudien. Sie zeigen einen Zusammenhang, keinen bewiesenen Ursache-Wirkungs-Mechanismus. Aber die Konsistenz über Kontinente, Kulturen und Jahrzehnte hinweg ist bemerkenswert – und sie hat die Forschung dazu gebracht, genauer hinzuschauen.

Der wohl wichtigste Befund der letzten Jahre kommt aus Dänemark. Kessing und Kollegen werteten die Daten von über 73'000 Demenzpatienten und 730'000 Kontrollpersonen aus und verknüpften sie mit dem Lithiumgehalt des Trinkwassers am Wohnort. Menschen, deren Wasser mehr als 15 µg Lithium pro Liter enthielt, hatten ein rund 17 % tieferes Risiko, an Demenz zu erkranken, als Menschen mit sehr lithiumarmem Wasser (Kessing et al. 2017). Auch hier gilt: Beobachtung, kein Beweis. Aber die Studie ist gross, sauber gemacht und erschien in einem der renommiertesten Fachjournale.

2025 lieferte eine Arbeit in Nature eine mögliche Erklärung. Das Team um Bruce Yankner an der Harvard Medical School stellte fest, dass Lithium im Gehirn von Menschen mit beginnender Alzheimer-Erkrankung messbar vermindert ist – und dass die typischen Amyloid-Ablagerungen Lithium regelrecht einfangen und binden. Bei Mäusen beschleunigte eine lithiumarme Ernährung die Bildung von Alzheimer-Ablagerungen und den Gedächtnisverlust. Umgekehrt konnte eine sehr niedrige Dosis Lithiumorotat – etwa ein Tausendstel der psychiatrischen Dosis – die Veränderungen im Tiermodell zurückbilden und das Gedächtnis wiederherstellen (Aron et al. 2025). Die Autoren sprechen von Lithium als möglichem erstem Metall, dessen Mangel zur Entstehung von Alzheimer beiträgt.

Dazu passen kleinere klinische Studien mit Menschen. Eine brasilianische Arbeitsgruppe behandelte Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung – einer Vorstufe von Demenz – über Jahre mit niedrig dosiertem Lithium. Die Behandelten blieben kognitiv stabiler als die Placebogruppe, und im Nervenwasser sanken Marker für die Alzheimer-typische Tau-Schädigung (Forlenza et al. 2011; Forlenza et al. 2019). Eine weitere Studie verwendete nur 300 µg Lithium pro Tag – eine echte Mikrodosis – bei Alzheimer-Patienten. Nach 15 Monaten war die kognitive Leistung der Lithiumgruppe stabil geblieben, während die Placebogruppe abbaute (Nunes et al. 2013).

Warum sollte ein so einfaches Element so viel bewirken? Die Forschung hat mehrere Mechanismen identifiziert, die sich auch für Laien nachvollziehen lassen.

Es bremst ein «Stress-Enzym». Lithium hemmt ein Enzym namens GSK-3 (Klein & Melton 1996). GSK-3 ist in fast allen Zellen aktiv und wirkt wie ein Gaspedal für Entzündungsprozesse und für das Verklumpen des Tau-Proteins – jenes Proteins, das bei Alzheimer die Nervenzellen von innen verstopft. Lithium nimmt den Fuss vom Gas.

Es fördert Nervenwachstum. Lithium steigert die Produktion von BDNF, einem Botenstoff, den man sich als Dünger für Nervenzellen vorstellen kann. BDNF hilft Neuronen zu überleben, neue Verbindungen zu knüpfen und sich nach Belastung zu erholen (Fukumoto et al. 2001).

Es aktiviert die Zellreinigung. Zellen haben ein Recyclingsystem namens Autophagie, das beschädigte Proteine und Zellbestandteile abbaut. Lithium kurbelt dieses System an, wodurch die Zelle fehlgefaltete Proteine – wie sie bei neurodegenerativen Krankheiten auftreten – besser entsorgen kann (Sarkar et al. 2005).

Es kann Hirnsubstanz aufbauen. Bereits im Jahr 2000 zeigte eine Studie in The Lancet, dass sich unter Lithiumbehandlung innerhalb von vier Wochen das Volumen der grauen Substanz messbar vergrösserte (Moore et al. 2000). Dies wurde zwar mit therapeutischen Dosen gemessen, zeigt aber, dass Lithium im Gehirn nicht bloss dämpft, sondern aktiv aufbauende Prozesse anstösst.

Diese vier Mechanismen erklären, warum Lithium in der Fachwelt als «neuroprotektiv» gilt – als Substanz, die Nervenzellen schützt.

Dass Lithium die Stimmung stabilisiert, ist bei therapeutischen Dosen unbestritten. Eine grosse Auswertung von 48 kontrollierten Studien im British Medical Journal zeigte, dass Lithium bei Menschen mit Stimmungserkrankungen das Suizidrisiko drastisch senkt – ein Effekt, den kaum ein anderes Medikament in dieser Deutlichkeit hat (Cipriani et al. 2013).

Für die Spurenelement-Dosis ist die Datenlage kleiner, aber vorhanden. In einer placebokontrollierten Studie erhielten ehemalige Drogenkonsumenten vier Wochen lang 400 µg Lithium pro Tag. Die Lithiumgruppe zeigte eine stetige Verbesserung in Stimmungsfragebögen, die Placebogruppe nicht (Schrauzer & de Vroey 1994). Zusammen mit den Trinkwasserstudien ergibt sich das Bild, dass Lithium schon in natürlichen Mengen eine ausgleichende Wirkung auf die Stimmung haben könnte: weniger Impulsivität, mehr Gelassenheit.

Mechanistisch passt das zu den oben beschriebenen Effekten. Ein Gehirn mit besserem Nervenwachstum, weniger Entzündung und funktionierender Zellreinigung ist widerstandsfähiger gegen Stress.

Ein letzter Aspekt betrifft die Lebensspanne insgesamt. Eine Forschergruppe aus Jena stellte fest, dass in japanischen Gemeinden mit höherem Lithiumgehalt im Trinkwasser die Gesamtsterblichkeit tiefer lag – nicht nur bei Suiziden, sondern über alle Todesursachen hinweg. Im Labor verlängerte dieselbe niedrige Lithiumkonzentration die Lebensdauer von Fadenwürmern (Zarse et al. 2011). Bei Menschen unter langjähriger Lithiumtherapie fand sich zudem, dass die Telomere – die Schutzkappen der Chromosomen, die sich mit dem Alter verkürzen – länger waren als bei unbehandelten Vergleichspersonen (Martinsson et al. 2013).

Lithium ist kein exotischer Wirkstoff, sondern ein Spurenelement, das seit jeher Teil unserer Umwelt und Nahrung ist. Die Forschung der letzten drei Jahrzehnte zeigt ein bemerkenswert konsistentes Bild: Wo Menschen natürlicherweise mehr Lithium aufnehmen, sind Suizidraten, Gewalt und Demenzerkrankungen seltener. Im Labor und in ersten klinischen Studien schützt Lithium Nervenzellen, fördert ihr Wachstum und stabilisiert die kognitive Leistung – und das in Dosen, die hundert- bis tausendfach unter der psychiatrischen Anwendung liegen.

Vieles davon ist noch Beobachtung, und grosse kontrollierte Studien am Menschen laufen erst an. Aber die Frage, ob Lithium ein essenzielles Spurenelement ist, das viele von uns heute zu wenig aufnehmen, wird in der Wissenschaft ernsthafter diskutiert denn je.